Die neue Literatur
Zaghaft erwacht die deutsche Belletristik aus ihrem Dornröschenschlaf. Die neuen Heroen heißen nicht mehr Grass, Lenz oder Walser, sondern Daniel Kehlmann, Cornelia Funke, Uwe Tellkamp. Bei genauem Hinsehen vollzieht sich in der schönen Literatur ein grundlegender Wandel: Vorbei die Zeiten, in der Alt-68er die Welt aus den Angel heben wollten und zwischen den Buchdeckeln zur Revolution auf Strassen oder in Köpfen aufriefen.
Vorbei auch die Zeiten, in der aus den Buchseiten der Mief postpubertärer Frauenbeglückung gegen das Patriarchat triefte. Passé auch die Zeiten der Betroffenheitsliteratur, in der Nabelschau und das Sudeln in eigenen Problemlagen als einzig gültige Weltperspektive ausgegeben wurde. Vergangenheit auch jenes Hermeneutik-Kauderwelsch mit dem professorale Schreiber dutzende Jahrgänge deutscher Studenten in Proseminaren zu quälen pflegten.
Nach dem Scheitern des Kommunismus, seit es immer schwieriger wird, Kuba oder Nordkorea als Vorbild anzupreisen, sind die Ideologen den Pragmatikern mit gesundem Menschenverstand gewichen. Seit der Zwang zur politisierenden Literatur weg ist, haben die deutschen Bücher eine neue, wohltuende Leichtigkeit entwickelt.
Endgültig Geschichte ist auch die Zeit der Identitätsunsicherheit Deutschlands, womit auch die jahrelange tiefschürfende Ergründung der eigenen Befindlichkeit ein glückliches Ende genommen hat. Diese deutsche Jammerlappenhaftigkeit hat im Ausland von jeher für Stirnrunzeln gesorgt und für die Unverkäuflichkeit der deutschen Literatur gesorgt. Traurig, aber wahr: Das Land der Dichter und Denker hat in den letzten 30 Jahren keinen Autor von Rang in die hohen Hallen der Weltliteratur erheben können.
Für diesen atemberaubenden Wandel mag der kleine und feine Verlag Wagenbach mustergültig stehen. Hat er früher die hehre Politikvermittlung auf die Fahnen geschrieben, so steht nun die Kulturvermittlung im Vordergrund. Die schönsten Italienbücher erscheinen heute bei Wagenbach.
Aber dies ist nicht mehr das Italien des Enrico Berlinguer oder das anarchische Spektakulum eines Dario Fo, sondern das Italien unserer Träume. Das Italien von Italo Calvino und das Italien, das nach Olivenbäumen und Pinien duftet. Und auch Rotbuch, einst Wagenbachs siametisches Pendant, verlegt keine roten Bücher mehr, sondern packende Thriller.
Das Ende der deutschen Weinerlichkeit ist gekommen und das ist gut so. Vielleicht wird die nächste Generation unserer Literaten die Kunst entwickeln, die eigentlich niemand den Deutschen zutraut: spannende Krimis und betörende Liebesromane zu schreiben. Zu Papier gebracht von Autoren, die mit offenen, neugierigen Augen durch die Welt gehen.