Nieder mit dem Adjektiv!
Als junge Journalisten bekamen wir von unseren Lehrmeistern eingebläut: Wenn du ein Adjektiv siehst, schlag es tot.
Ja, denn das mit den Adjektiven ist nicht so einfach. Mal werden sie falsch gebraucht, mal mogeln sie über ungenaue Beobachtung hinweg. Ein anderer Vorwurf: Adjektive schmücken zwar, verlangsamen aber auch einen Text. Ganz anders gut eingesetzte Verben, sie vermögen einem Text Rhythmus und Schnelligkeit zu verleihen.
Ernest Hemingway stilisierte den Gegenentwurf: Der Maestro eines gerade heraus geschriebenen Hauptsatzes, sprachlich lakonisch, geizend mit Adjektiven. Als Ergebnis steht eine klare und prägnante Sprache. Ohne Schnörkel, ohne heiße Luft. Hemingway hat es uns vor Augen geführt: Adjektive sind meist überflüssig.
Denn falsch genutzte Adjektive münden bestenfalls in tautologischem Gewäsch oder schlimmstens in retardierender Langatmigkeit.
Haben auch Sie die Märchen der Gebrüder Grimm gelesen? Erinnern Sie sich? Rotkäppchen. Dann verspeiste der verkommene Wolf die hilflose Großmutter auf grausame Weise. Ja, ja, so würde ein untalentierter Autor schreiben. Bei den Grimms steht das natürlich nicht so.
Nein. Denn Wölfe sind verkommen, Großmütter hilflos und das Verspeisen eines Menschen ist grausam. Bei den Gebrüdern Grimm steht das anders: Dann fraß der Wolf die Großmutter.