Clemensstrasse 84/III, München

clemensstr-84.jpgDie Clemensstrasse gefällt als ruhige Schwabinger Seitenstrasse mit kleinen Ladengeschäften und exotischen Restaurants. In Parterre des Hauses Clemensstrasse 84 findet sich der kärgliche Amigo-Getränkemarkt und zugleich ein Café-to-go.

Das hübsche viergeschossige Haus, in feinem laubgrün und weiß gestrichen, hat seinen alten Charme über die Jahrzehnte tapfer erhalten. Und was die wenigsten wissen, dieses Haus Clemensstrasse 84 birgt ein Mysterium der deutschen Literaturgeschichte.

In den Jahren von 1917 bis 1919 hat der Schauspieler und Schriftsteller Ret Marut in diesem Haus gewohnt und gearbeitet. Der rätselhafte Ret Marut zeichnete als Verleger und Hauptautor der sozial-radikalen Zeitschrift Der Ziegelbrenner.

Im Impressum des ersten Heftes vom 1. September 1917 konnte man nachlesen: Geschäftsstelle des Verlages: München 23, Clemensstrasse. Ohne Hausnummer.

Das war die typische Geheimniskrämerei, die das ganze Leben dieses Autors bestimmen sollte. Im Ziegelbrenner liest man weiter: Besuche wolle man unterlassen, es ist nie Jemand anzutreffen. Fernsprecher haben wir nicht.

Ein geheimnisvoller Schriftsteller. Ret Marut, Schauspieler und Autor, hatte sich, von Düsseldorf kommend, in der Clemensstrasse 84, im dritten Stockwerk dieses Eckhauses niedergelassen.

Die Polizeidirektion München verfasste mit Datum 19.11.1917 ein Dossier über ihn: Marut, Ret, geb. 25. Februar 1882 in San Franzisko, amerikanischer Staatsangehöriger, Schauspieler, Schriftsteller, ist seit 3.7.1917 hier im Aufenthalt und z.Zt. Clemensstrasse 84/3, in Wohnung gemeldet.

Name, Geburtsjahr, Amerikaner, San Franzisko - alles falsch, eine ziemliche Räuberpistole, nur Nebelkerzen.

Schon dieser seltsame Name Ret Marut war so eine Täuschung, eine Erfindung, mehr Phantom als Pseudonym. Vielleicht ein Anagramm, ratet rum. Wer die Person nun wirklich war, die sich hinter Ret Marut verbarg, darüber gibt es bis heute nur Vermutungen und Spekulationen.

Nach der Proklamation der Räterepublik am 7. April 1919 arbeitete Ret Marut als Zensor der bürgerlichen Tageszeitungen und war vom 7. bis 13. April Leiter des Presseausschusses im revolutionären Zentralrat. Nach der Niederschlagung der nur einen Monat dauernden Räterepublik musste Marut - nun steckbrieflich gesucht - abtauchen.

Und er tauchte im Juli 1924 wieder auf. In Mexiko. Mit ganz anderem Namen. Wieder ein geheimnisvolles Pseudonym. Aus Ret Marut wurde B. Traven.

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