Fotokiste: Rudi Dutschke

Eine Postkarte von Rudi Dutschke aus dem Lufthansa Flieger

Arhus/Dänemark, im März 1979

Zur 68er Bewegung gehörte ich nicht. Da war alleine schon die Gnade der späten Geburt vor. Als ich Mitte der 70er Jahre an die Universität kam, da war die unruhige Zeit schon vorbei und von ein paar vereinzelten akademischen Scharmützel abgesehen, war meine Studentengeneration ruhig und angepasst.

Trotzdem erkannte ich, dass diese 68er-Bewegung historisch Bedeutsames geleistet hatten. Da war ja nicht nur das Aufbäumen der Studenten gegen den Muff in den Talaren, sondern auch ein Einfordern der Jungen nach mehr Teilhabe, nach Öffnung und auch nach Aufrichtigkeit.

Während die Vätergeneration nach den dunklen Jahren ihre Erfüllung darin fand, aus dem physisch und moralisch zerbombten Deutschland ein Wirtschaftswunderland zu schaffen, stellte die 68er-Studentengeneration endlich wieder die Schuld- und auch die Sinn-Frage. Warum, wieso, wohin?

Den Studentenführer Rudi Dutschke fand ich prima. Belesen, mitreißend, auf den Punkt formulierend, voller Leidenschaft. Auch wenn ich nicht mit all seinen Analysen und Forderungen übereinstimmte, dieser scharfsinnige Vordenker deutete an, in welche Richtung sich Deutschland entwickeln könnte.

Ich kam Ende der 70er Jahre in Kontakt zu ihm, als ich für eine Wochenzeitschrift ein Interview verabreden wollte. Er schrieb mir daraufhin aus dem dänischen Arhus, wo er mit seiner Familie lebte und wo er an der Universität als Dozent lehrte.

Aber eigentlich antwortete er mir nicht aus Arhus, sondern aus einem Lufthansa-Jet. Auf einer jener Werbe-Postkarten, wie sie in Flugzeugen kostenlos ausliegen. Die geschriebene Karte gibt man üblicherweise der Stewardess mit, die dann für den Versand sorgt.

Auf der Rückseite der Karte findet sich ein Foto der Boeing 737, die damals von der Lufthansa für die Kurzstrecke eingesetzt wurde. Auf der Vorderseite schlägt Rudi Dutschke mir ein, zwei Termine in West-Berlin vor.

Zu dem Interview ist es dann leider nicht gekommen. Aber die Lufthansa-Dutschke-Karte ist noch da.

siehe auch: pikante Kreuzung

3 Responses to “Fotokiste: Rudi Dutschke”

  1. Cornell Says:

    Ich finde das interessant… Was ist denn heute mit diesem herrn, was ist aus ihm geworden

  2. France Says:

    Er war brillant. Ich lernte ihn 1967 in Berlin kennen. Damals wohnte ich in West-Berlin Ecke Kurfürstendamm/Uhlandstr. - genau an dieser Ecke diskutierte er bis tief in der Nacht stundenlang mit seinen Anhängern - auch mit seinen Gegnern… Ich wohnte im 5. Stock, doch konnte ich jedes Wort hören, so laut waren die nächtlichen Diskussionen. Als frischgebackene französische Journalistin bei den Schutzmächten - was für ein Wort! - fand ich das alles sehr spannend. An einem Abend ging ich hinunter und begann mizudiskutieren. Ich hatte es ja nicht weit… Ich stand nicht unbedingt auf der politischen Seite Dutschkes, aber interessant war es allemal.
    Übrigens, Rudi Dutschke ist schon seit 20 Jahren tot. Er starb 1979 am Heiligen Abend.
    France

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