El Tölpel
Auszug aus Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:
Eigentlich hätte ich stutzig werden müssen. Nein, so plump kann die Wirklichkeit nicht daher kommen. Aber beim Menschen und ganz gewiss bei der männlichen Ausprägung des homo erectus lassen sich bisweilen jene Aussetzer beobachten, die man dann später im Rückblick beschönigend als Dummheit oder ausgemachte Tölpelei zu charakterisieren pflegt.
Aber der Reihe nach: Da stehe ich mit meinem leichten silbernen Rimowakoffer inmitten der Passagierschlange aus wohl 15 Personen, die alle am Faucett-Schalter für die Abendmaschine nach Lima einzuchecken gedenken. Und dann kommt plötzlich diese strahlende Schönheit in die Flughafenlobby stolziert, eine blutjunge Frau mit weichen Gesichtszügen, eine zierliche Venus im enganliegenden Kleid, das die wohlgeformten Rundungen noch betont.
Einen vielleicht zweijährigen Jungen trägt sie etwas bemüht auf dem linken Arm. Noch bevor ich mir die Frage beantworten kann, was denn ein solch bezauberndes Geschöpf in einem solch faden Andenkaff wohl zu suchen hat, steuert sie schnurstracks auf eine Person aus der langen Warteschlange zu. Diese Person bin ich.
Mit strahlenden Augen und dem betörendsten Lächeln, das ich seit zwei Monaten gesehen habe, fragt sie, ob ich ihr beim Einchecken helfen könne. Und das sind dann die Momente, wo bei einem Mann die Beine und das bisschen Hirnmasse weich werden.
Selbstverständlich, antworte ich fast mechanisch, es sei mir ein Vergnügen. Sie gesellt sich mir zu, stellt sich neben mich, erzählt, dass sie nach Lima zu ihrem Bruder fliege. Und langsam rücken wir, wie ein Ehepaar, das sich nicht erst 20 Sekunden, sondern 20 Jahre zu kennen scheint, in der Schlange nach vorne.
Das Kind sei der Sohn ihres Bruders, sie selbst sei ledig, und sie freue sich, mich getroffen zu haben, meint sie mit einem zarten Augenaufschlag, während das Kind recht unbeteiligt dreinschaut. Kurz bevor wir an der Reihe sind und noch ehe die Faucett-Angestellte in ihrem adretten roten Kleid mein Flugticket verlangt, fragt die rasante Schönheit mich beiläufig, ob ich ihren Koffer wegen ihres Übergepäcks liebenswürdigerweise auf mein Ticket nehmen könne.
Die Blackouts der Männer dauern mal länger, mal kürzer. Meiner ist just in diesem Augenblick zu Ende. Die Beine stabilisieren sich und das Hirn rutscht wieder hoch unter die Schädeldecke. Sicher helfe ich gerne, antworte ich verbindlich und freundlich, nur würde ich prinzipiell kein fremdes Gepäck auf mein Ticket nehmen.
Sie bitte mich inständig, ihr Gesicht nimmt flehentliche Züge an, bitte, wegen des Kindes. Diesmal sage ich nur kurz: nein! Und da wechselt von einer Sekunde zur anderen der Liebreiz in Wut, da wandelt sich eine wunderschöne Frau in einen feuerspeienden Drachen.
Die Furie schreit mich vor allen Leuten an, ich sei herzlos, ohne Gefühl, kein Kavalier, ein Arschloch halt. Und kaum hat sie mir das Arschloch an den Kopf geschleudert, dreht sie sich wutschnaubend um, und verlässt mitsamt dem Kinde schnellen Schrittes die Flughafenhalle.
Die saubere Dame hat versucht, aus mir so eine Art Lastesel zu machen, und in diesem Falle heißt die Last Kokain. Unbedarften Touristen oder gutgläubigen Rucksacktravellern wird präpariertes Gepäck mitgegeben. Wer darauf reinfällt und erwischt wird, den kann man in Lurigancho, dem Drogen- und Terroristenknast Limas, so acht bis zehn Jahre lang wiederfinden. Sonntags ist Besuchstag.