Fotokiste: Lester Thurow

Düsseldorf, den 27. April 1993
Lester Thurow eilt der Ruf voraus, er sei ein Volkswirt, der überaus anschaulich und gründlich zu formulieren vermag. Er durfte den feinen und flüssigen Kommentar in besten Kreisen üben und pflegen. Über 10 Jahre lang schrieb er eine Kolumne für Newsweek und für die New York Times. Diese Elitemedien gelten als harte Schule, dies prägt.
Ich hole Lester Thurow vom Flughafen in Düsseldorf ab. Es kommt ein sympathischer, natürlicher Typ. Ein Professor, dessen Arm und Einfluss weit über das akademische Terrain hinaus reicht, und der trotzdem nicht viel Aufhebens um seine Person macht. Da sitzt in meinem Auto ein ruhiger und zurückhaltender Mann, dem man gerne zuhört.
Thurow, Jahrgang 1938, war viele Jahre Dean an der Sloan School of Management, die Teil des MIT in Cambridge ist. Dieses Massachusetts Institute of Technology, die wohl beste Ingenieursschmiede weltweit, ist eh schon renommiert, und die Sloan School setzt da noch eins drauf.
MIT Sloan, wie sie kurz genannt wird, gilt als makroökonomische Elitefakultät der USA, eine der besten Business Schools überhaupt. Sie wurde benannt nach Alfred Sloan, dem legendären Manager und ehemaligen Chairman von General Motors.
Unter den großen Volkswirten der USA ist Lester Thurow ein Atlantiker, einer jener, die einen gesunden Einfluss des Staates auf die Wirtschaft zu schätzen wissen. Seine Sicht ist nicht kleinteilig, er befasst sich mit der Weltwirtschaft, mit sozialen Fragen, mit Wettbewerbstheorie. In seiner Disziplin gilt er als Generalist und Globalist.
Der Mann mit der markanten blonden Lockenpracht wägt sein Wort, wirkt aber stets sicher in der Analyse. Hier kommt kein Groß-, Laut- oder Schnellsprecher amerikanischer Provenienz, sondern wohl eher ein bedächtiger Professor europäischen Duktus.
Nach dem Fall des Kommunismus sieht er eine multipolare Welt ohne dominierende Einzelmacht. Konflikte erwachsen nun mehr durch religiösen Fanatismus und ethnischen Separatismus. Und national wirken Spannungen, hervor gebracht von sozialer Drift und älter werdender Gesellschaft.
Eigentlich gebührt Lester das Prädikat, unsere Zeit konturreich und tiefenscharf abzubilden. Das haben wir nicht zuletzt auch Newsweek und der New York Times zu verdanken.