Indien mal zwei
“Lassen Sie in Indien produzieren?” Der Kollege überrascht mich mit seiner Frage. Nein, stottere ich, warum sollte ich. Und er schildert mir Modelle, wie deutsche Fachverlage heute indische Dienstleister einsetzen. Ein Beispiel, wie weit die Globalisierung fortgeschritten ist.
So lässt dieser Verlag im westindischen Bangalore seine Software inklusive Inhalte entwickeln. Selbst lange deutschsprachige Texte werden nicht in München, sondern in diesem indischen Silicon Valley erfasst. Auf den ersten Blick verwunderlich, dürfte man diese Dienstleistung in München, wenn schon nicht preiswerter, so doch von der Qualität akkurater tätigen können.
Weit gefehlt! Um die sprachliche Korrektheit der Texte zu sichern, sind die indischen Software-Tüftler auf einen ebenso einfachen wie genialen Dreh gekommen. Alle Texte werden in einem Arbeitsgang parallel von zwei indischen Experten erstellt und später auf dem Computer gegeneinander auf Fehler hin abgeglichen. Und all dies zu Personalkosten, die einen Bruchteil der Münchner Gehälter ausmachen.
Der Clou obendrein: Wenn die Münchener ihre Aufträge via Standleitung nach Bangalore schicken und sich in den Feierabend verabschieden, dann beginnt aufgrund der Zeitverschiebung für den indischen Mitarbeiter gerade der Arbeitstag. In aller Frühe am nächsten Morgen findet der deutsche EDV-Mann dann die Lösung seines Problems oder die deutschen Texte frisch auf dem Schirm.
Aus deutscher Sicht mag man diese Arbeitsteilung nun beklagen, hier spiegelt sich im Kleinen allerdings eine Gesetzmäßigkeit des globalen Wettbewerbs wider. Aufgrund moderner Telekommunikation kann selbst manch intellektuelle Dienstleistung in jedem Winkel der Welt erbracht werden.
Die Winkel der Welt sehen dies übrigens als Segen, als Chance, ein Stück vom Wohlstand der Industriestaaten zu ergattern. Für uns bleibt diese neue Arbeitsteilung eine Herausforderung, ein Ansporn, noch besser und effizientes zu produzieren.