Fotokiste: Gottfried Heller

München, den 23. März 1995
Gottfried Heller wird oft als Börsenguru bezeichnet. Dabei hat er so wenig von einem Guru. Er ist ein belesener Mensch, er denkt nach über die Zeitläufte, er mag Wilhelm Busch, er ist einnehmend und herzlich, also eher das Gegenteil eines poltrigen Wall Street Boys.
Wir haben 1992 bei ECON ein sehr schönes Buch zusammen gemacht. Die Wohlstandsrevolution - Erfolgsstrategien für Unternehmer und Anleger in den 90er Jahren. Eine fast 400 Seiten starke und sehr bullishe Zustandsbeschreibung des Kosmos der Wertpapiere.
Gottfried Heller sieht die großen Linien. Weltwirtschaft, USA, Asien, Europa, Deutschland. Hier liegt sein Fokus, nicht so sehr auf der einzelnen Aktie. Er schaut sich die Wirtschaft global, fundamental und psychologisch an. Er denkt in Jahren und Dekaden, nicht in Minuten und Sekunden, wie diese seltsamen daytrader.
Diese Sicht der Dinge teilt er mit seinem Freund André Kostolany, der das Vorwort zur Wohlstandsrevolution geschrieben hat. Zusammen mit Kosto hat Gottfried Heller 1971 in München die Vermögensverwaltung FIDUKA gegründet. Und oft trägt auch Heller eine Fliege, ganz so wie der französische Altmeister.
Der Schwabe Heller, Jahrgang 1935, bleibt allen Krisen zum Trotz ein unheilbarer Optimist. Er mag die Bullen, selten den Bär, und gibt den positiven Blick auf die Dinge. In seinem Buch schrieb er ein Dutzend Branchen und Aktien auf, deren Zukunft er damals rosig sah: Allianz, Bilfinger, Deutsche Bank, MAN, Mannesmann, RWE, Siemens.
Bei der Abgabe des Manuskriptes sagte er 1992 in Düsseldorf zu mir: Lassen Sie uns das Portfolio einmal in der Langzeit-Analyse im Auge behalten. Schauen wir uns die Werte in 5 Jahren an. Ich wette auf einen schönen Zugewinn. Nun ja, ich habe nicht dagegen gehalten.
Ja, dann machen wir uns doch mal an die Lang-Lang-Zeitanalyse. Fast 18 Jahre später. Wie haben sich die Werte dieses fiktiven Depots entwickelt? Nehmen wir als Beispiel Siemens. Im März 1992 stand Siemens bei umgerechnet 23,38 Euro. In diesen Tagen bei 63,17 Euro. Einsatz fast verdreifacht. Plus schöne Dividenden in vielen Jahren.
Heller hat also Recht behalten mit seinem Bullen-Ritt. Er würde wahrscheinlich darüber nicht viel Aufhebens machen. Hätten wir gewettet, dann würde er wahrscheinlich sagen, spenden wir den Wetteinsatz doch der UNO-Flüchtlingshilfe.
Man sieht an diesem Verhalten zweierlei. Geld muss nicht den Charakter verändern. Und als ein richtiger Bulle kommt man leichter durchs Leben.
siehe auch: André Kostolany: Enjoy Life!
siehe auch: Fotokiste André Kostolany
siehe auch: The Meaning of Life