Das 1-Prozent-Land

Eine Nachricht lässt in diesen Tagen aufhorchen: Das Brüsseler Forschungsinstitut  CEPS hat ausgerechnet, dass in 20 Jahren Polen in der Wirtschaftsleistung pro Kopf, und damit im Wohlstand, Deutschland überholt haben wird. Das Deutschland von heute sei satt, träge und behäbig geworden.

Nun wundert man sich, dass eine solch alarmierende Meldung hierzulande nicht diskutiert wird. Man mag dies als mentales Indiz abtun für ein Land, in dem leidenschaftlich gestritten wird, wie Wohlstand verteilt werden soll, nicht aber darüber, wie Wohlstand erschaffen werden kann.

Kaum ein Land, das so wenig wirtschaftliche Dynamik zeigt wie Deutschland. Mit etwas Glück wird das Bruttosozialprodukt in naher Zukunft um vielleicht ein Prozent pro Jahr wachsen. Wenn es gut geht.

Andere Regionen, auch entwickelte, schaffen 3 oder 4 oder gar 5 Prozent. Doch Deutschland - und mit ihm ein paar andere Industrieländer - scheinen wie gefesselte Riesen.

Eines muss klar ausgesprochen werden. Mit einem Mini-Wachstum von einem Prozent wird unser Wohlstand sinken, weil wir mit einer solch bescheidenen Ziffer im globalen Wettbewerb zurück fallen.

Ein anderes: Mit einen Wachstum von ein Prozent ist man gegen externe Schocks nicht gewappnet. Sollte in der Weltwirtschaft oder der Weltpolitik etwas passieren, dann geht Deutschland in die Knie. Ein schlimmer Terroranschlag, Krieg in Jemen oder im Iran, das Platzen der chinesischen Blase - all das kann das Mickrig-Wachstum vieler Jahre in nur wenigen Wochen wieder einkassieren.

Warum bloß kann die fleißige und ehrgeizige Nation Deutschland nicht mehr Wachstum erzielen? Das ist eine spannende Frage. Der erste Versuch einer Antwort: Weil Produktivkräfte gelähmt werden. Verordnungen, Bürokratie, Auflagen, Abgaben, Steuern. Das Arbeiten wird schwer gemacht.

Eine zweite Antwort: Der Staat setzt falsche Schwerpunkte. Die öffentlichen Haushalte gehen in die Verteilung - in den Konsum, nicht in die Investition. Gut 45 Prozent des Bundeshaushaltes münden in sozialen Wohltaten, weitere 15 Prozent zahlt man alleine für die Zinslast der angehäuften Schulden.

Doch dieses Land braucht anderes: viel mehr Bildung, eine bessere Infrastruktur, Forschung und Entwicklung, Hochtechnologie. Statt dessen wird erwogen, marode Autobauer zu retten oder für Hartz IV einen hübscheren Begriff zu finden.

Da darf sich keiner wundern, wenn wir bei kümmerlichen ein Prozent kleben bleiben. Usque ad finem.

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