Vom langsamen Exitus des Journalismus
Immer wenn es im Hotel, an der Grenze oder sonst wo die Berufsbezeichnung einzutragen gilt, schreibe ich kurz - wie schon seit 35 Jahren - Journalist. Aber dieser, so meint die NYT, sei eine aussterbende Spezies, als Berufsstand dem sicheren Tode geweiht. Ihn ereile - oh Graus - das gleiche Schicksal wie dem Stahlkocher in den 70er Jahren. Starker Tobak!
Dieser Kommentar der New York Times, des intellektuellen Eliteblattes der amerikanischen Ostküste, ist ein Schlag in die Magengrube eines jeden Journalisten. Das tut weh, nicht nur in den USA.
Der Journalist, überrollt von den Zeitläuften, überflüssig gemacht von technologischer Innovation, gebeutelt von sinkender Nachfrage. Der Journalist - hehre Vergangenheit, düstere Zukunft.
In den USA gibt es heute gerade Mal noch 400.000 Journalisten. Vor einigen Jahren zählte man noch 1,6 Millionen. Besonders die Tageszeitungen leiden. Sie haben, wie die Amerikaner sagen, ihr Momentum verloren.
Wenn eine Aktie an der Wall Street abstürzt, dann bekommen dies Anleger und Analysten real time, der Leser der Zeitung erst einen ganzen Tag später. Und ein Tag ist heute eine halbe Ewigkeit.
Wenn ein Flugzeug auf dem Hudson River tollkühn notlandet, dann weiß das die Öffentlichkeit via twitter Sekunden später. Aus erster Hand. So schnell ist nicht einmal das schnelle Fernsehen.
Neben dem Journalismus hat sich eine Kommunikation auf privater Ebene entwickelt. Fotos und Videos werden in Communities hochgeladen, Spezialisten schreiben Blogs, es wird kräftig getwittert und alles wird verbunden und vernetzt.
All das geht auf Kosten von Zeitungen und Zeitschriften. Die Königsdisziplinen des Journalismus kollabieren: Auslandskorrespondenz, Kommentare, Glossen, Reportagen. Alles kränkelt, alles schwindet! Unter einem Essayisten kann sich ein Zwanzigjähriger doch kaum etwas vorstellen.
Das Berufsbild des Journalisten zerbröselt. Zukünftig wird es wohl in eine Drei-Klassen-Gesellschaft zerfallen. Eine kleine Elite von top bezahlten Nachrichten-Interpreten, gut bezahlten Anchormen, blonden Moderatorinnen, klugen Chefredakteuren. Darunter dann eine kleine Klasse solider Arbeiter, ohne die Klasse 1 nicht bestehen könnte. Und ganz unten eine breite Schicht unsicherer Arbeitsverhältnisse: etwas Schreiben, ein wenig PR, hier und da Online, Job-Hopping.
Der Journalismus, so wie ich ihn erlernt und über die Jahrzehnte gekannt habe, stirbt langsam aber merkbar aus. Der Qualitätsjournalismus ist vielleicht noch nicht tot, aber er atmet verdammt schwer.
März 24th, 2010 at 23:47
traurig, wenn es so kommen würde. Ich meine, der Journalismus verlagert sich auf andere Medien statt Zeitungen. Auch im Internet gibt es Qualitätsjournalismus.
A. Hachenberg