Fotokiste: Lima, die aschgraue Liebe

Lima sei die hässlichste Stadt, die er kenne, hat einmal der peruanische Literat Alfredo Bryce Echenique kund getan, wofür er im eigenen Land prompt ziemlich viel Prügel einstecken durfte. Prügel, die er jedoch mannhaft ertrug, wie ein Caballero, der sich bis in die Hutspitze im Recht wähnt.
Wenn man in Südamerika eine typische Dritte-Welt-Stadt zu benennen hätte, so verkörpert diesen Typus wohl idealtypisch jene blasse Metropole am Pazifik. Dieses Lima mit bettelnden Müttern und klauenden Kindern, mit Vätern, die keine Arbeit finden und saufen gehen, mit Kraterlandschaften, die sich Straßen nennen, diese Stadt mit Wasserhähnen, aus denen häufig eine braune Sauce tröpfelt und mit Menschen vor katholischen Suppenküchen, die von Jahr zu Jahr mehr werden.
Dieses Lima erweist mehr und mehr sich als Stätte des verzweifelten Lebenskampfes bei Tag und der kleinen und großen Gauner bei Nacht. Um die Metropole herum haben mittellose Zuwanderer die ausgebleichten Holzhütten und ihre Behausungen aus Blech und Stroh aufgestellt, die sich wie ein riesiges Tuch über die aschgraue Topografie dieser Stadt legen.
Schon die spanischen Kolonisten berichteten von ihrer Mühsal, diesen Ort der dürren Wüste zu ertrotzen und wenn man sich heute nicht gerade in den grünen Vorstädten der Wohlhabenden oder in den Luxushotels aufhält, bleibt stets der Eindruck, über dieser Stadt liege ein staubiger Unsegen oder eine neblige Heimsuchung, die jede Heiterkeit des Lebens im Keime zu ersticken weiß.
Lima ist sicherlich keine Liebe auf den ersten Blick und selbst auf den zweiten Blick will sich ihr Reiz nicht so recht entfalten. Die Stadt erscheint stets verhangen und sogar im Sommer gelingt es der Sonne nicht immer, sich durch die für Lima so typische dichte Nebeldecke zu boxen.
Das Meer, andern Ortes ein Quell des Lebensmutes und Frohsinns, liegt matt und kalt im fahlen Licht und scheint für die Limeños lediglich eine willkommene Einrichtung, sich kurzerhand ihres Hausmülls zu entledigen.
Und auch der liebe Gott meint es nicht gut mit dieser Stadt. Mal lässt er sie von einem Erdbeben mächtig durchrütteln, ein anderes Mal endlose Regenmassen auf sie herunterprasseln - so arg, dass dieser Wüstenfleck im Morast und im Schlamm zu versinken droht.